
Mars Survival – Raumanzug oder DNA-Anzug?
Die Besiedlung des Mars fasziniert die Menschheit schon lange. Aber er ist keine 2. Erde. Wie kann der Mensch also auf einem Planeten überleben, der so lebensfeindlich ist? Mit dieser Frage haben sich der Mediziner und Autor Jannis Radeleff und ich bei unserem gemeinsamen Vortrag „Mars Survival – Raumanzug oder DNA-Anzug?“ beschäftigt.
Zum ersten Mal präsentierten wir unseren Vortrag 2025 auf dem BuCon in Dreieich. Wir hatten so viele spannende Aspekte zusammengetragen, dass uns am Ende die Zeit davonlief. Also beschlossen wir, im folgenden Jahr mit einem zweiten Teil weiterzumachen. 2026 kehrten wir mit „Mars Survival – Teil 2: Raumanzug oder DNA-Anzug“ zurück.
Dabei treffen Raumfahrttechnik und Genforschung, Wissenschaft und Science-Fiction aufeinander. Ich bringe als Diplom-Ingenieurin für Luft- und Raumfahrttechnik die technische Perspektive ein, während Jannis als Mediziner die biologischen Möglichkeiten beleuchtet. Gemeinsam stellen wir uns der Frage: Können wir den Menschen mit Technik schützen oder genetisch an den Mars anpassen?
Eine lebensfeindliche Welt
Der Mars ist in vielerlei Hinsicht der Erde ähnlich und doch grundverschieden. Er hat etwa halb so viel Durchmesser wie unser Heimatplanet und ist rund eineinhalbmal so weit von der Sonne entfernt. Seine Atmosphäre besteht zu etwa 95 Prozent aus Kohlendioxid. Der Sauerstoffanteil ist verschwindend gering, und der Luftdruck beträgt nur rund 0,6 Prozent des irdischen Wertes.
Auch die Temperaturen machen das Leben nicht gerade angenehm. Im Durchschnitt herrschen etwa minus 60 Grad Celsius. Zwar kann es am Äquator tagsüber deutlich wärmer werden, doch nachts fallen die Temperaturen drastisch ab. An den Polen wird es sogar noch wesentlich kälter. Hinzu kommen die geringe Schwerkraft, das fehlende Magnetfeld, eine erhöhte Strahlenbelastung, kein flüssiges Wasser, feiner giftiger Marsstaub und Stürme, die Monate lang den Himmel verdunkeln.
Und dann wäre da noch die Isolation. Je nach Stellung von Erde und Mars benötigt eine Nachricht 4 bis 24 Minuten für den einfachen Weg. Ein spontanes Telefonat mit der Familie oder eine schnelle Rückfrage bei der Missionskontrolle sind also nicht möglich.
Wer auf dem Mars leben will, muss deshalb nicht nur eine Reise dorthin überstehen. Er muss sich auf ein Leben in einer Umgebung einstellen, die ohne technische Hilfsmittel für Menschen tödlich wäre.
Technik als Lebensversicherung
Eine Möglichkeit besteht darin, den Menschen möglichst gut vor seiner Umgebung zu schützen. Druckdichte Habitate und Raumanzüge, zuverlässige Lebenserhaltungssysteme, Strahlenschutz und eine ausgeklügelte Energieversorgung wären dafür unverzichtbar. Auch Sauerstoff und Wasser müssen bereitgestellt werden. Das Wasser müsste beispielsweise aus Eis gewonnen und möglichst vollständig recycelt werden. Ein interessantes Beispiel für die Nutzung der Marsressourcen ist MOXIE: Das Experiment an Bord des Rovers Perseverance hat gezeigt, dass sich aus der kohlendioxidreichen Marsatmosphäre Sauerstoff gewinnen lässt.
Doch jede technische Lösung hat ihren Preis. Schutzsysteme benötigen Masse, Energie und Platz. Was auf der Erde selbstverständlich erscheint, kann auf einer Marsmission zu einer komplizierten ingenieurtechnischen Aufgabe werden.
Auch die geringe Schwerkraft ist ein Problem. Zwar könnte man dann wie ein Supermensch große Sprünge machen, aber langfristig leiden Muskeln, Knochen und Kreislauf darunter. Training könnte helfen, aber möglicherweise wären weitere Maßnahmen erforderlich. Diskutiert werden beispielsweise künstliche Schwerkraft durch rotierende Lebensräume oder technische Unterstützung durch Exoskelette.
Und was passiert, wenn ein System ausfällt? Auf der Erde können wir häufig Ersatzteile beschaffen oder Hilfe holen. Auf dem Mars müssen die Bewohner möglichst selbstständig handeln können. Redundante Systeme, Reparaturmöglichkeiten und eine sorgfältige Vorbereitung sind daher entscheidend.
Was wir von der Natur lernen können
Jannis Radeleff brachte in seinem Teil des Vortrags zahlreiche Beispiele aus der Tier- und Pflanzenwelt mit. Denn die Natur hat im Laufe der Evolution erstaunliche Lösungen für extreme Lebensbedingungen hervorgebracht. Manche Pflanzen kommen mit großer Trockenheit zurecht, andere überstehen lange Phasen mit wenig Licht. Tiere haben Strategien entwickelt, um mit Kälte, Sauerstoffmangel oder anderen widrigen Umweltbedingungen umzugehen. Die Natur ist damit ein riesiger Fundus an möglichen Vorbildern für technische und biologische Lösungen.
Könnten wir uns solche Anpassungen zunutze machen, um Menschen besser auf das Leben auf dem Mars vorzubereiten? Mit der Genschere CRISPR sind gezielte Veränderungen am Erbgut bereits möglich. Vielleicht könnten eines Tages genetische Besonderheiten aus der Natur als Vorbild dienen, um den menschlichen Körper widerstandsfähiger zu machen. Allerdings ist es noch ein weiter Weg von einzelnen genetischen Veränderungen zu einem Menschen, der beispielsweise besser mit der Marsstrahlung oder der geringen Schwerkraft zurechtkommt.
Und selbst wenn solche Eingriffe eines Tages technisch möglich sein sollten, bleibt eine grundsätzliche Frage: Nur weil wir etwas genetisch verändern können, heißt das noch lange nicht, dass wir es auch tun sollten.
Wo liegen die medizinischen Möglichkeiten, wo die Risiken? Welche Folgen hätten solche Veränderungen für die Betroffenen und möglicherweise für kommende Generationen? Und ab wann verändern wir nicht mehr nur unsere Lebensbedingungen, sondern den Menschen selbst?
Der Mars verzeiht keine Fehler
Im zweiten Teil unseres Vortrags ging es stärker um die Frage, was passiert, wenn aus theoretischen Überlegungen konkrete Herausforderungen werden. Denn selbst die beste technische Planung kann nicht verhindern, dass etwas schiefgeht. Ein defektes Lebenserhaltungssystem, eine undichte Unterkunft oder ein Fehler in der Software können auf dem Mars schwerwiegende Folgen haben. Es gibt keine Rettung von der Erde!
Dass Raumfahrttechnik ihre Tücken hat, zeigen reale Beispiele: die dramatische Rettung der Apollo-13-Besatzung, die verlorene Mars Climate Orbiter, bei der unterschiedliche Maßeinheiten zum Problem wurden, oder die missglückte Landung der europäischen Sonde Schiaparelli. Diese Fälle zeigen, wie wichtig sorgfältige Planung, Redundanz und die Fähigkeit sind, auf Unerwartetes zu reagieren.
Der Mars verzeiht nichts! Deshalb müssen wir nicht nur überlegen, wie unsere Technik funktionieren soll, sondern auch, was passiert, wenn sie es nicht tut.
Und vielleicht sollten wir uns dabei ein wenig von Mark Watney aus Der Marsianer inspirieren lassen. Der muss auf dem Mars bekanntlich improvisieren, reparieren und mit dem auskommen, was gerade zur Hand ist. Ein gut sortierter Werkzeugkasten dürfte für eine Marsmission also unverzichtbar sein und reichlich Panzertape vermutlich auch.
Schließlich lässt sich nicht jedes Problem mit einer ausgeklügelten Hightech-Lösung beheben. Manchmal braucht es erst einmal eine Rolle Klebeband und eine gute Idee.
Jede Lösung hat ihren Preis
Ob wir technische Systeme verbessern oder den Menschen biologisch anpassen: Keine Lösung ist ohne Nebenwirkungen, Grenzen oder Zielkonflikte. Mehr Schutz bedeutet häufig mehr Masse. Zusätzliche Systeme brauchen Energie und Wartung. Genetische Eingriffe könnten neue Risiken schaffen, die wir heute noch nicht vollständig überblicken.
Dazu kommen die psychischen und sozialen Herausforderungen. Menschen müssen über lange Zeit auf engem Raum zusammenleben, weit entfernt von ihrer vertrauten Umgebung und ohne die Möglichkeit, einfach nach Hause zurückzukehren. Konflikte, Stress und Einsamkeit lassen sich nicht mit einem besseren Raumanzug allein lösen.
Die Besiedlung des Mars ist deshalb nicht nur eine technische oder medizinische Aufgabe. Sie ist auch eine gesellschaftliche Frage: Wie wollen wir dort leben? Wie gehen wir mit Risiken um? Und wer entscheidet darüber, welche Veränderungen am Menschen akzeptabel sind?
Zwischen Raumanzug und DNA-Anzug
Genau darin liegt für mich der Reiz unseres gemeinsamen Vortrags. Wir betrachten das Überleben auf dem Mars aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Die Raumfahrttechnik versucht, eine lebensfeindliche Umgebung für den Menschen bewohnbar zu machen. Die Medizin/Biologie stellt die Frage, ob und wie wir den Menschen selbst an diese Umgebung anpassen könnten.
Beide Wege eröffnen faszinierende Möglichkeiten, beide haben Grenzen und beide werfen Fragen auf, die weit über die Marsmission hinausreichen. Wie weit wollen wir gehen, um neue Lebensräume zu erschließen? Und wie viel Veränderung am Menschen sind wir bereit zu akzeptieren?
Science-Fiction kann solche Fragen aufgreifen und weiterdenken. Sie erlaubt uns, mögliche Zukünfte durchzuspielen, ohne schon heute alle Antworten kennen zu müssen. Genau deshalb gehören wissenschaftliche Erkenntnisse und fantastische Zukunftsvisionen für mich zusammen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage also nicht nur, ob wir auf dem Mars überleben können. Sondern auch, wie wir dort leben wollen und was wir dafür bereit sind zu verändern und auf was bir bereit sind zu verzichten.